header_177.jpg

 

 

 

Die Römer nannten es „Finis Terrae”, die Einheimischen sagen „Penn ar Bed” und andere Franzosen betiteln es schon mal ein wenig despektierlich als „le bout du monde”: Das Département Finistère am westlichen Zipfel Frankreichs. Eine durchaus treffende Bezeichnung, da dieser Flecken Erde in der Bretagne an drei Seiten vom Atlantik umspült wird. Nach Westen erstreckt sich eine mehr als 3500 Kilometer große Wasserwüste. Nächster Halt: Neufundland. Wer an einem der stürmischen Kaps wie etwa der Pointe du Raz steht, glaubt wirklich, am Ende der Welt angekommen zu sein. Mit seiner mehr als 300 Kilometer langen Küstenlinie ist das Département Finistère für das Küstenrudern (Aviron en Mer, Coastal Rowing) besonders prädestiniert.

Küstenrudern statt Küstenpfad

Dieser Gedanke kommt uns auch in den Sinn, als wir unseren Sommerurlaub in der Bretagne planen: Wieso sich nicht mal die Küste vom Ruderboot aus angucken statt an der Küste entlang zu wandern. Küstenrudern statt Küstenpfad. Nebenbei wäre damit dann auch eine Lösung für die drohende, zweiwöchige Ruderabstinenz gefunden. Dank moderner Kommunikationsmittel finden wir schnell heraus, dass es unweit unseres Feriendomiziels in Concarneau einen Ruderverein gibt, der sich dem Küstenrudern verschrieben hat. Der Kontakt zu Sylvie Gayet, der Präsidentin des Club Aviron Sympa en Mer, ist schnell hergestellt und wir verabreden uns mit Sylvie zu unserer ersten Ausfahrt auf dem Meer.

Am Ruderverein, der unweit der berühmten Ville Close, der Altstadt von Concarneau, beheimatet ist, werden wir dann herzlich von Sylvie in Empfang genommen. Der Ruderverein selbst ist funktionell eingerichtet. Auf dem Bootshof reihen sich ein Dutzend Jollen-Ruderboote (Yole de Mer) des französischen Herstellers Euro-Diffusion‘s jeweils einzeln auf Anhängern liegend aneinander. Diese aus Glasfaser gefertigten Boote sind speziell für das Küstenrudern konzipiert. Sie haben einen durchgehenden Luftkasten, der sie theoretisch unsinkbar macht. Praktisch wollen wir das lieber nicht überprüfen. Die Bordwand ist wie bei einer Segeljolle nach außen gebogen, wodurch es den Wellen erschwert wird, sich in das Bootsinnere zu brechen. Schafft es dennoch eine Welle ins Boot, kann das Wasser über das flache, nicht abgeschlossene Heck wieder herauslaufen. Ein Einstiegsbrett sucht man vergebens. Die Boote sind so stabil gebaut, dass man überall im Boot auftreten darf. Soviel Stabilität hat seinen Preis: Ein Doppelvierer mit Steuermann bringt stolze 145 Kilogramm auf die Waage.

Hinter den Booten stehen auf dem Bootshof drei einfache Container: Links die Umkleide, rechts der Materialcontainer in dem unter anderem Skulls, Ruder und Schwimmwesten gelagert werden, dazwischen das „Büro”. Wir erfahren, dass der Verein nur ca. 30 Mitglieder hat, für den Herbst dieses Jahres allerdings ein Zusammenschluss mit dem Nachbarverein Aviron du Cabellou geplant ist, wodurch sich die Anzahl der Mitglieder verdoppeln wird.

Madame la Présidente stellt uns dann auch gleich die Mitruderer vor, die an diesem Abend einen Doppelvierer mit Steuermann voll machen werden: Neben Sylvie und uns beiden sind noch Thierrik und Marianne, eine Niederländerin, die schon länger in Frankreich lebt, mit von der Partie. Und dann geht es auch schon los. Die Skulls und das erstaunlich lange Ruder werden für den Transport zum Meer im Boot verstaut und die vorgeschriebenen Schwimmwesten in einem Netz hinter dem Steuersitz verzurrt. Anschließend wird das Boot auf dem Anhänger vom Bootshof über die Straße zur ca. 100m entfernten Slipanlage geschoben. Einer Slipanlage, die bei Flut ihren Namen verdient, jetzt aber, da gerade Ebbe ist, lediglich als Auffahrt zum Strand dient. Das Wasser hat sich weit zurückgezogen, so dass der Anhänger über den nassen Sand und über einige Steine ins Wasser geschoben werden muss, bevor das Boot vom Anhänger „geslippt” werden kann. Der Rest ähnelt dem von heimischen Wanderfahrten bekannten Wasserstart: Skulls einlegen und mehr oder weniger elegant aus dem knietiefen Wasser in das Boot einsteigen. Die ersten Ruderschläge werden noch ohne Steuer ausgeführt, welches aufgrund seiner Länge erst in tieferem Wasser eingesetzt wird. Noch schnell die Einstellung der Stemmbretter korrigieren und schon kann unsere erste Rudertour auf dem offenen Meer beginnen.

Babylonische Sprachenvielfalt

Vorbei am Hafen von Concarneau mit seiner malerischen Altstadt, der Ville Close, geht es entlang der Küste in nord-westlicher Richtung nach La Fôret-Fouesnant. Das Rudern auf dem Meer funktioniert auf Anhieb erstaunlich gut. Trotz einer strammen Brise aus westlicher Richtung halten sich die Wellen in Grenzen. Das Rudergefühl ähnelt dem Rudern auf dem Rhein bei heftigem Wind und viel Schiffsverkehr. Zumindest so lange man sich orthogonal zu den Wellen bewegt. Sobald man parallel zu den Wellen rudert, wird das Boot in eine für uns Rheinruderer ungewohne Rollbewegung versetzt, die es erschwert, sauber in die Auslage zu rollen und im Durchzug beide Blätter im Wasser zu behalten. Im Boot herrscht gute Laune und eine fast babylonische Sprachenvielfalt: Auf bretonisch, französisch, englisch, deutsch und niederländisch wird munter kommuniziert. Auch die Ruderbefehle stellen keine Probleme dar, da man hier Backbord einfach „rouge” (rot) und Steuerbord „vert” (grün) nennt. So wird zum Beispiel aus dem deutschen Ruderbefehl „Backbord überziehen” ein in unseren Ohren äußerst niedlich klingendes „un peut de rouge” (ein bisschen rot).

Nach einer guten Dreiviertelstunde haben wir den 6 Kilometer entfernten Wendepunkt in der Anse de Saint-Laurent erreicht. In der geschützten Bucht ist das smaragdgrüne Wasser spiegelglatt, so dass unsere Mannschaft das schwere Boot mal so richtig fliegen lassen kann, bevor es dann wieder unter erschwerten Bedingungen über das offene Meer entlang der Küste zurück nach Concarneau geht. Nach der Rückkehr zur heimischen Bucht erfolgt das Aufladen des Bootes auf den Anhänger, das Zurückschieben des Anhängers in den Bootshof und natürlich das Reinigen von Boot, Material und Anhänger. Letzteres wird hier besonders gründlich ausgeführt, um zu vermeiden, dass das Meersalz das Material angreift.

Wir sind überwältigt von den Eindrücken dieser Ausfahrt auf dem Meer. Als Dankeschön, dass wir das Küstenrudern kennenlernen durften, überreichen wir Sylvie eine Bootsflagge des Düsseldorfer Ruderverein 1880. Madame la Présidente ist sichtlich gerührt und sich der Ehre bewusst, eine Flagge eines so altehrwürdigen, deutschen Rudervereins geschenkt zu bekommen. Im Gegenzug werden wir für die am folgenden Dienstag, den 14. Juli, stattfindende Tagesfahrt des Vereins von Concarneau zu dem 12 Kilometer entfernten Örtchen Trevignon eingeladen. Dort findet am französischen Nationalfeiertag alljährlich ein Fest der Sociéte National de Sauvetage en Mer (SNSM, das französische Pendant zur deutschen Seenotrettungsgesellschaft) statt. Der Plan ist, morgens nach Trevignon zu rudern, sich dort mittags mit Essen und Getränken zu versorgen und nachmittags wieder zurückzurudern. Nun fühlen wir uns unsererseits geehrt und müssen nicht lange überlegen, um diese Einladung dankend anzunehmen.

Von Löwen, Schweinen und Delphinen

Am 14. Juli stehen wir also morgens um halb zehn wieder auf dem Bootshof des Club Aviron Sympa en Mer in Concarneau. Diesmal sind wir insgesamt 15 Ruderer, die sich in drei Doppelvierern mit Steuermann auf den Weg nach Trevignon machen. Sylvie hat eine weitere Überraschung für uns parat: Obwohl die Küstenruderboote normalerweise ohne Flagge unterwegs sind, wird diesmal an unserem Boot ein Ast als improvisierter Flaggenmast installiert, an welchem die Flagge des Düsseldorfer Ruderverein 1880 und – in Ermangelung einer eigenen Vereinsflagge – eine Flagge der Stadt Concarneau befestigt wird. So darf auch unser Wappentier seinen ersten Ausflug auf dem Atlantik unternehmen. Passend zum französischen Nationalfeiertag weht der doppelschwänzige Löwe in den Farben blau, weiß und rot. Nur ein Zufall oder doch höhere Fügung?

Von Concarneau geht es diesmal in süd-östlicher Richtung entlang tückischer Felsformationen und kilometerlanger Sandstrände. An der Hafenausfahrt von Concarneau passieren wir das Leuchtfeuer mit dem Namen „Cochon” (Schwein). Unser Steuermann Gaël - ein waschechter Bretone - berichtet, dass hier die Segler normalerweise ihre erste Flasche Champagner köpfen, wenn sie den Hafen verlassen. Wir müssen uns heute während unserer Trinkpause mit stillem Wasser begnügen, bevor wir unseren Weg fortsetzen. Trotzdem sind wir berauscht von der überwältigenden Kulisse: Auf Backbord haben wir immer die traumhafte Küste des Finistère vor Augen, auf Steuerbord nichts als Wasser. In der Ferne schweben die Îles de Glénan über dem Ozean, ein 18 Kilometer vor der Küste des Finistère liegendes Archipel, dass mit seinen weißen Sandstränden und türkisem Wasser genauso gut in den Tropen liegen könnte.

Nach eineinhalb Stunden erreichen wir schließlich Trevignon. Unser Timing könnte an diesem Tage nicht besser sein: Gerade als wir in dem kleinen Hafen eintreffen, beginnt die feierliche Zeremonie, bei der die SNSM der Opfer des Meeres gedenkt. Dazu wird das Seenotrettungsboot im Hafen zu Wasser gelassen, dem sich dann weitere Rettungs- und Motorboote zu einer Schiffsprozession anschließen, um zusammen aus dem Hafen bis vor die Pointe de Trevignon zu fahren. Dort wird dann während einer kurzen Andacht ein Blumenkranz dem Meer übergeben. Kurzentschlossen setzen wird der Schiffsprozession in unserem Ruderboot nach und schaffen es tatsächlich dank einer 30'er Schlagzahl und trotz des von den vielen Motorbooten aufgewühlten Wassers Schritt zu halten. Von hinten kommt aus unserem Boot der treffende Kommentar, dass wir ja von genug Rettungskräften umgeben sind, falls wir jetzt kentern sollten. Unser Steuermann bringt das Kunststück fertig, uns vorbei an allen Motorbooten in die erste Reihe für die kurze Zeremonie auf See zu manövrieren. Gerade als diese vorbei ist, zeigt sich dann sogar noch ein Delphin in mitten der versammelten Boote und grüßt mit seiner Rückenflosse den an unserem Heck wehenden doppelschwänzigen Löwen.

Zurück im kleinen Hafen von Trevignon tragen wir die Ruderboote auf den trockenen Sand, um dem auflaufenden Wasser aus dem Weg zu gehen, und stellen dabei wieder fest, wie schwer diese Küstenruderboote sind. Das Fest der SNSM ist erstaunlich gut besucht. Massen an Einheimischen und Touristen bevölkern die Wiese an der Pointe de Trevignon und belagern alle verfügbaren Tische im und außerhalb des Festzeltes. Die französischen Ruderkollegen erweisen sich aber als äußerst wanderrudertauglich und bauen aus ein paar Bänken im Handumdrehen eine Sitzgruppe mit Tisch. Während einige ausschwärmen, um gegrillten Thunfisch, Langustinen oder Sardinen zu organisieren, besorgen anderen ein paar Flaschen Cidre und Rosé-Wein. Das Fest nimmt seinen Lauf...

Um kurz nach drei lösen wir unsere muntere Gesellschaft auf, um zurück nach Concarneau zu rudern. Dort angekommen lassen wir in kleinerer Runde den gelungenen Tag bei einem Glas Cidre ausklingen. Dabei erfahren wir von weiteren schönen Wanderfahrten, die der Club Aviron Sympa en Mer unternimmt. Zum Beispiel rudern sie jedes Jahr im Frühsommer für ein Wochende auf die Îles de Glénan. Gaël erzählt uns, dass ihnen auf der 18 Kilometer langen Überfahrt zu den Glénan auch schon mal eine Gruppe Delphine über längere Zeit gefolgt sei, was wirklich eine unglaublich tolle Erfahrung gewesen sei. Während wir noch seinen Worten lauschen wird uns klar, dass uns die Faszination des Küstenruderns in ihren Bann gezogen hat, und dass die Urlaubsplanung für 2016 längst begonnen hat.

Frauke Horstmann & Patrick Osterloh

 

 

Wenn man die Îles de Glénan sehen kann, gibt es Regen,
wenn man sie nicht sehen kann, dann regnet es.

Bretonische Wettervorhersage

 

Bretagne 2015

Bretagne 2015

Bretagne 2015

Der Bootshof des Club Aviron Sympa en Mer

Bretagne 2015

In der Anse de Saint-Laurent

Bretagne 2015

Ebbe in der Anse de Kersaux (Concarneau)

Bretagne 2015

Zum Nationalfeiertag wird die Flagge des DRV1880 gehisst

Bretagne 2015

Madame la Présidente am Steuer des Flaggschiffs

Bretagne2015 13 900x600

Unterwegs auf dem Atlantik

Bretagne 2015

Gedenken an die Opfer des Meeres

Bretagne 2015

Tischlein deck Dich!

Bretagne 2015

Gesellige Runde

Bretagne 2015

An der Pointe de Trevignon

Bretagne 2015

Ruderboote vor dem Bootshaus der SNSM

Bretagne 2015

Auf dem Rückweg nach Concarneau

Bretagne 2015

Ein gelungener Tag

Du hast nicht die Berechtigung Kommentare zu sehen oder zu schreiben

aequatorpreis

Ehren­tafel der Äquator­preis­träger

pokal

1880 - 2020

drv

Der Düssel­dorfer Ruder­verein 1880 e.V. ist Mit­glied des Deut­schen Ruder­ver­bandes