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„Zum Sterben schön”, bemerkte der junge Dichter Johann Wolfgang Goethe als er im September 1772 seinen Blick von einem Felsvorsprung oberhalb des Örtchens Obernhof über die im Sonnenlicht dahingleitende Lahn schweifen ließ. Goethe hatte Wetzlar wegen seiner unglückliche Liaison zu der verlobten Charlotte Buff überstürzt verlassen und „wanderte nun diesen schönen, durch seine Krümmungen lieblichen, in seinen Ufern so mannigfaltigen Fluß hinunter, dem Entschluß nach frei, dem Gefühle nach befangen, in einem Zustande, in welchem uns die Gegenwart der stummlebendigen Natur so wohltätig ist. Mein Auge, geübt, die malerischen und übermalerischen Schönheiten der Landschaft zu entdecken, schwelgte in Betrachtung der Nähen und Fernen, der bebuschten Felsen, der sonnigen Wipfel, der feuchten Gründe, der thronenden Schlösser und der aus der Ferne lockenden blauen Bergreihen.” (J. W. Goethe, Aus meinem Leben, Dreizehntes Buch)

244 Jahre später rudern wir vom Düsseldorfer Ruderverein 1880 – ebenfalls im September – bereits zum 32. Mal auf Goethes Spuren die Lahn hinab. In drei Etappen geht es von Weilburg über Runkel und Laurenburg bis nach Bad Ems. Die Ruderboote, mit denen wir dieses Jahr unterwegs sind, sind der traditionellen Fahrt durchaus angemessen: Sechs der sieben Boote, die unterhalb des Weilburger Schlosses zu Wasser gelassen werden, sind altehrwürdige Klinkerboote aus Holz, vier von ihnen sind bereits vor über 50 Jahren gebaut worden. Daneben mutet das gerade einmal sechs Jahre alte, siebte Boot aus Kunststoff fast schon ein wenig futuristisch an. Ebenfalls weit gefächert ist die Lebenserfahrung der 30 Teilnehmer dieser Wanderfahrt. Die jüngste Ruderin ist 17 Jahre, die älteste 82 Jahre. Das gibt es so wohl nur beim Wanderrudern. Einer der Teilnehmer debutiert auf der Lahn, andere können sich gar nicht mehr genau erinnern, wie oft sie schon dabei waren. Genau diese Mischung aus Jugend und Erfahrung, aus Impulsivität und Gelassenheit ist es, was diese Wanderfahrt zu einem einmaligen Erlebnis macht, an das sich alle gerne erinnern werden.

Und dann ist da ja noch die Lahn. Mal breit und träge, dann wieder schmal und munter hält sie eine ganze Palette unterschiedlichster Stimmungen für uns bereit. Morgens zeigt sie sich noch kühl und Nebelverhangen, bevor die Sonne dann die Schleier teilt, um mit ihren wärmenden Strahlen die Ufer im satten Grün und die darüber liegenden bewaldeten Hänge in bunten Herbsttönen zu beleuchten. Goethes Geist steigt in die kühle Morgenluft empor und liegt als vom Gegenlicht angestrahlter Dunst über dem glatten Wasser. Die regelmäßigen Rudergeräusche – das leichte „platsch” beim Eintauchen der Blätter, das satte „wusch” beim Durchzug und das sachte „klock” beim Ausheben und Abdrehen der Skulls – verstärken die Magie dieses Momentes und versetzen auch uns in einen Zustand, in dem wir die von Goethe beschriebene übermalerische Schönheit der Landschaft in uns aufnehmen.

So rudern wir gemächlich die Lahn entlang, vorbei an den vom Dichter beschriebenen bebuschten Felsen, den sonnigen Wipfeln, den feuchten Gründen und den thronenden Schlössern. Unterwegs begegnen uns Enten, Schwäne, Reiher und Eisvögel, über uns kreisen Rotmilane. Wir passieren insgesamt vierzehn Schleusen, von denen viele bereits vor über 150 Jahren erbaut wurden. Im oberen Bereich der Lahn müssen wir diese Schleusen noch selber bedienen. Erst ab Limburg übernehmen das hauptberufliche Schleusenwärter für uns. Unsere Fahrt führt uns weiter vorbei an der ehemaligen Residenzstadt Diez mit Schloß Oranienstein und an der über 900 Jahre alten Burg Nassau, dem Stammsitz des Hauses Nassau, welches heute noch in Luxemburg und in den Niederlanden regiert. Oberhalb der Weinhänge von Obernhof erblicken wir dann jenen von Goethe bewunderten Felsvorsprung, auf dem heute ein Aussichtspunkt den Besuchern die Möglichkeit gibt, ihre Blicke ebenfalls über die dahingleitende Lahn schweifen zu lassen. In Dausenau rudern wir am historischen Wirtshaus an der Lahn vorbei, welches auch von Goethe auf seinen Reisen frequentierte wurde, und in dem sich folgende Geschichte ereignet haben soll: Goethe saß am Tisch und trank Schorle, weshalb er von den am Nachbartisch sitzenden Herren bespöttelt wurde. Daraufhin kritzelte Goethe folgenden Vers auf die Tischplatte, den man noch bis 1935 unter einer Glasplatte lesen konnte:

Wasser allein macht stumm,
das zeigen im Bach die Fische.
Wein allein macht dumm,
siehe die Herrn am Tische.
Da ich keins von beiden will sein,
trink ich Wasser mit Wein.

Leider viel zu schnell haben wir am Sonntagnachmittag unser Ziel in Bad Ems erreicht und müssen nun Abschied nehmen von der Lahn und von unserer Rudergemeinschaft, die so nur einmal im Jahr anlässlich der Lahnwanderfahrt zusammen kommt. Doch auch Goethe reiste 22 Monate nach seiner Wanderung wieder an die Lahn zurück, um diese im Boot und in Begleitung zweier Bekannter zu befahren. Wir müssen zum Glück nicht ganz so lange warten. Bereits im September 2017 wird sich bei der 33. Lahnfahrt die Gelegenheit bieten, diesen schönen und mannigfaltigen Fluß im Ruderboot und in netter Begleitung zu erleben.

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