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Neuverfilmung des berühmten Romans von Margaret Mitchell. In den Hauptrollen diesmal nicht Scarlett O'Hara und Rhett Butler, sondern über 50 tapfere Ruderer des RC Germania Düsseldorf und des Düsseldorfer RV 1880, die auf ihrer gemeinsamen Wanderfahrt ausziehen, um die Grachten und Seen rund um den südwestfriesischen Weiler Oudega zu befahren. Die Regisseure Stephan Mölle und Rainer Weissmann interpretieren die Romanvorlage auf durchaus eigentümliche Weise und sorgen so für ein abwechslungsreiches Drama auf hohem Niveau.

Die Geschichte beginnt vielversprechend. Das Wetter ist passabel und die Protagonisten dürfen sogar die unbeschreibliche Erfahrung machen, ein kurzes Teilstück über das Ijsellmeer zu rudern. Doch das Glück währt nicht lange. Der erfolgreichen Passage des Ijsselmeeres folgt eine wegen Mittagspause geschlossenen Schleuse und gleich mehreren Rundfahrten durch den Yachthafen von Hindeloopen. Der Hafemeister spielt seine kleine Rolle virtuos und verweht der Mehrzahl der Ruderboote das Anlegen im Hafen trotz reichlich vorhandenen Platzes. Seine Ignoranz gegenüber der seitens der Ruderer vorgebrachten rationalen Argumente, hier doch nur kurz verweilen zu wollen, wird ihm vermutlich eine Oskar-Nominierung für die beste Nebenrolle einbringen. Den Helden der Geschichte bleibt also nur die Flucht aus dem Hafen auf das offene Ijsselmeer wo sie schließlich an einem kleinen Strand hinter einer Buhne am Deich anlanden können - zur Belustigung der dortigen Ureinwohner: einer Herde weidenender Schaafe, die sich sehr aufgeschlossen gegenüber den Neuankömmlingen und ihren Sportgeräten zeigt. Nach der verdienten Mittagspause und einer ausgiebigen Kneipkur im eiskalten Ijsselmeer zwecks Wiedereinsetzen der Boote, wartet die nächste Herausforderung auf die Gemeinschaft der Ruderer: Das letzte Teilstück des Ruderstrecke führt bei stetig auffrischendem Gegenwind über einen offenen See. Natürlich wird auch diese Aufgabe heldenhaft gemeistert, auch wenn die ein oder andere Welle durch dramatisch Filmmusik begleitet ihren Weg in die Boote findet. Endlich wieder in ihrer heimischen Segelschule angekommen freuen sich die Akteure über ein kühles Bier und vor allem eine warme Dusche. Doch sie haben die Rechnung ohne die hauseigene Elektrik gemacht, die wahrscheinlich noch vor dem Erscheinen des Originalromans installierte wurde und nun für teilweise kalte Duschen und lange Gesichter sorgt. Sofort machen Gerüchte die Runde, welche Dusche noch warmes Wasser in ausreichender Menge liefert, und gesicherte Erkenntnisse darüber werden wie Staatsgeheimnisse gehütet.

Am zweiten Tag der Geschichte greift der Regisseur Stephan Mölle selbst in die Handlung ein. Um es den Helden nicht zu langweilig werden zu lassen, versteckt er einen Kanal am Ende eines Sees und läßt ihn von den Protagonisten suchen. Anleihen an Stevensons "Die Schatzinsel" sind hier nicht zu verleugnen, wird die selbige doch bei der verzweifelten Suche nach dem Kanal mindestens zweimal umrundet. In einer völlig unbedeutenden, aber gut gespielten Nebenszene sieht man die Bewohner eines ans Wasser angrenzenden Wohnhauses aus ihrem Wohnzimmer starren während vor ihrem Fenster Ruderboote mal in die eine, dann in die anderere Richtung vorbeiziehen (kleiner Junge: "Guck mal, Mami, da sind schon wieder Ruderer!" / Mutter: "Nein, das sind dieselben von eben."). Nachdem der Kanal oder besser: das Kanälchen endlich gefunden ist, muß auch der Regisseur einsehen, dass die extra in Düsseldorf besorgte topografische Karte doch kein Fehldruck war und das Gewässer hier tatsächlich nur zwei Meter breit ist und alle paar Meter um 90 Grad abknickt. Es beginnt der eigentümlichste und verstörendste Teil dieses cineastischen Meisterwerkes: In einer Umgebung, die mit ihren breiten Kanälen und Seen prädestiniert für den Wassersport ist, schlagen sich die Helden ausgerechnet durch dieses kleine, verwinkelte Kanälchen und versuchen ihre Boote durch Abstoßen vom Ufer oder durch Paddeln mit den Piddelhaken vorwärts zu bewegen. Nein, Langeweile kommt hier nicht auf. Die Regisseure gehen ganz neue Wege um dem Betrachter die einfache aber eindrucksvolle Botschaft zu vermitteln: "Auf freiem Wasser rudern kann jeder." Um trotz des engen Kanälchens den Eindruck von Weite zu vermitteln, haben die Bühnenbildner in die cineastische Trickkiste gegriffen und auch die Brücken entsprechend geschrumpft. Den Protagonisten kommt die Gelegenheit, sich im Boot langmachen zu dürfen, sehr gelegen, entlastet sie doch die ohnehin beanspruchte Sitzmuskulatur. Außerdem gibt es kaum ein erhabeneres Gefühl, als liegend im Ruderboot ein gutes Dutzend dieser Hindernisse mitsamt der ihnen eigenen Flora und Fauna nur wenige Zentimeter an seinem Gesicht vorbeigleiten zu sehen. Doch auch diese Glück währt nicht ewig. Schließlich müssen die Helden vor einer nur ca. 20cm hohen Brücke kapitulieren. Selbst bei optimistischer Einschätzung der eigenen Bundweite ist hier kein Weiterkommen. Also müssen die Boote ausgehoben und mühselig um das Hindernis herumtragen werden. Sichtlich erschöpft von diesem unerwartet sportlichen Zwischenspiel beschließt die Gemeinschaft der Ruderer schließlich nach der "Mittagspause" im Yachthafen von Workum, sich auf direktem Wege wieder zur Segelschule zu begeben. Ein Weg, der ca. einen Kilometer vor dem Ziel durch eine Spundwand und einen Bagger versperrt ist. Also wieder Boote ausheben, ausräumen und zu Fuß nach Hause wandern. Morgen früh - so denken die Helden - geht's von hier aus weiter.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Irgendjemand hat sich an den Filmtitel erinnert und den strammen Wind zu einem ausgewachsenen Sturm anschwellen lassen. Mit Böen über 60km/h. Die Wellen stehen gut einen Meter hoch auf dem benachbarten See. Nach ausführlicher Inspektion spricht Regisseur Rainer Weissmann endlich ein Machtwort und bricht den Filmdreh und die damit verbundene Ruderpartie für diesen Tag ab. Die nun plötzlich arbeitslos gewordenen Akteure suchen im nahen Örtchen Sneek nach Zerstreuung oder Nutzen die Zeit, in der Segelschule in Ruhe das weitere Drehbuch zu studieren.

Auch am Sonntagmorgen hat der Sturm nicht nachgelassen, und so kommt des Dramas Ende unerwartet schnell. Nach kurzer Beratschlagung fällt der finale Vorhang und das Projekt "Rudern in Friesland" wird für dieses Jahr eingestellt. Also werden in Windeseile (Anmerkung des Authors: welch ein Wortspiel!) die Boote verladen und die Unterkunft besenrein gemacht. Das Happy End: Wenigstens entkommt man so dem drohenden Rückreisestau und kann bereits am Sonntagnachmittag die Boote geputzt und aufgeriggert in den heimischen Bootshallen in Düsseldorf verstauen.

Die "Wanderfahrt Friesland 2015 oder: Vom Winde verweht" ist ein ein äußerst ansprechendes Oeuvre, welches wir allen rudersportlich interessierten Cineasten uneingeschränkt empfehlen können. In sportlicher Hinsicht bietet das Werk gerade am dritten Tag zwar einige Längen, die aber aber durch ansprechende gesellschaftliche Szenen mit spannenden Dialogen und über alle Zweifel erhabenen kulinarischen Genüssen wettgemacht werden. Die Regisseure haben bereits eine Fortsetzung der Geschichte angekündigt, die voraussichtlich an Christi Himmelfahrt 2016 in die Kinos kommen wird.

Zum Fotoalbum: Wanderfahrt Friesland 2015

Friesland 2015

Flucht auf das IJsellmeer

Friesland 2015

Anwerbung neuer Mitglieder

Friesland 2015

Die Würfel sind gefallen

Friesland 2015

Auf der Suche nach dem verborgenen Kanal

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