Ahoi!

Düsseldorfer Ruderverein 1880

Veteranen auf der Mosel

von | 24. September 2025

Es sollte unsere dritte, diesmal endgültig letzte Abschiedstour nach 40 Jahren werden. Ziel war wieder einmal die Mosel mit Standquartier und Ausgangspunkt Piesport. Vorbereitet wurde sie von dem Zweitjüngsten der Truppe, Wolfram Schildhauer.

Piesport, inmitten der Region liegend, die sich rühmt, das älteste Weinanbaugebiet des Imperii Romani nördlich von Metz zu sein, erhielt seinen römischen Namen Portus Bigenti in Anlehnung an den Gott Mercurius Bigenti, einer regionalen Gottheit, die die Römer gerne in den Kreis ihrer Götter aufgenommen hatten. Sie hätten auch gerne den Gott der Christen übernommen, doch diese bestanden auf dem Alleinvertretungsanspruch ihres Gottes und lehnten die römischen Götter als Gotteslästerung ab, was wiederum die Römer dazu veranlasste, die Christen als Gotteslästerer ihrer vielen hochverehrten Götter zu verfolgen, zuletzt mit der grossen Christenverfolgung des Diocletian, der es – unüblich für Römische Kaiser – später jedoch vorzog, statt ermordet zu werden, wie viele seiner Vorgänger und Nachfolger, seine kaiserlichen Würden niederzulegen, und sich in seinen monumentalen Alterspalast in Split zurückzog, um dort unter mediterraner Sonne eines natürlichen Todes zu sterben.

Das Gebiet zwischen Neumagen und Brauneberg war in römischer Zeit berühmt für seine Weine, aber auch berüchtigt, weil dort der erste bekannte grosse Weinpanscherskandal des Imperii Romani sich ereignet hatte. Besucht man die berühmte römische Weinkelteranlage mit Balkenpresse, nicht weit von Brauneberg am gegenüberliegenden Flussufer gelegen, so passiert man auf dem Weg, linkerhand liegend, mehrere in den Moselschiefer gehauene den römischen Winzern als Weinkeller dienende Kavernen, von denen einige rauchgeschwärzte Decken und Wände aufweisen. Die Ursache hierfür konnte man sich lange nicht erklären, bis ein Historiker in antiken Schriften in Rom die Aufzeichnung über einen Prozess gegen Weinpanscher aus dem Moselgebiet fand, aus der sich ergab, dass in diesen Kavernen mithilfe der Wärme von Kohlebecken die sauren Moselweine künstlich gealtert und ihnen die Säure entzogen wurde, um sie der bei den Römern so beliebten dunkelgoldschimmernden eher harzig schmeckenden sehr viel teureren Südweinplörre anzugleichen. Selbst die erfindungsreichen Weinvermehrer der Pierot’schen Weingüter sind nicht darauf gekommen: Kohlebecken statt Trockenbeerenauslese – das muss man können! In dieses seit Römerzeiten berühmte Weinanbaugebiet sollte unsere Rudertour gehen.

Die ihm vorab zur Vorbereitung der Tour aufgetragene Rechenaufgabe, der sich unser Fahrtenleiter stellen musste, lautete: Wieviel Ruderboote benötigt man, um eine Gruppe, die ein Gesamtalter von 855 Lebensjahren und eine Gesamtmitgliedschaft von 614 Jahren im Düsseldorfer Ruderverein aufweist, so unterzubringen, dass auf der Wanderfahrt jeder der Teilnehmer einen Bootsplatz erhält. Um ihm die Rechenaufgabe zu erleichtern, erhielt er noch folgende Zusatzangaben: Jeder Teilnehmer muss berechtigt sein, an einer Ü-79-Tanzparty teilzunehmen, muss mindestens 40 Jahre Vereinsmitglied sein und mit den anderen Mitgliedern der Truppe mindestens 40 Wanderfahrten in Europa absolviert haben, von Breslau im Osten bis Cap Finistère im Westen und von der Schweiz im Süden bis Schweden im Norden. Wolfram löste diese Aufgabe – welche Rechenschritte er benötigte, hielt er geheim – mit Bravour. Zwei Vierer mit Steuermann müssten ausreichen, so verkündete er uns stolz; und tatsächlich, als wir uns am 19. Mai in unserem Quartier in Piesport trafen, waren wir exakt, die sich abwechselnden Steuerleute eingerechnet, zehn Ruderer, so dass die beiden mitgeführten Vierer mit Steuermann alle drei Tage in voller Besetzung gerudert werden konnten.

Für die, die mit den Bootstransport begleiteten, war schon die Anreise ein bisher nicht gekannter Genuss. Der neue DINO, ausgestattet mit Klimaanlage, Tempomat und vielen anderen Annehmlichkeiten, ermöglichte – auch aufgrund seines geringen Geräuschpegels – eine komfortable Fahrt, deren Start allerdings eine Spezialaufgabe für den Fahrer beinhaltete. Wegen der Sperrung der Zufahrt zum Hafen entschloss man sich, auf dem schmalen Pfad des Rheindamms bis zum Golfplatz zu fahren, um dort auf eine befestigte Strasse zu gelangen. Dies ging auch ca. einen Kilometer gut, bis uns ein Baufahrzeug entgegenkam, so dass Michael, der den Posten des Fahrzeuglenkers für den Hintransport übernommen hatte, gezwungen war, das Gespann auf dem schmalen Weg achthundert Meter zurückzusetzen, wo uns die freundliche Besatzung mit ihrem Dreikantschlüssel den an sich versperrten Zuweg zur Strasse öffnete. Dabei zeigte sich, dass beim Rückwärtsfahren mit Hänger die Aussenspiegel hilfreicher sind als die Rückwärtskamera des Fahrzeuges. Jedoch war die Frontkamera später in den engen Moseldörfern zur Schonung der Frontstossstange und der vorderen Kotflügeln dem Abschätzvermögen von Fahrer und Beifahrern weit überlegen.

Nach diesem Einführungslehrgang für den Fahrer verlief die Fahrt reibungslos und wir konnten das neue Arbeitspferd des Vereins, bewundernd ob seiner schon luxuriös zu nennenden Ausstattung, geniessen. Im Hotel „Moselhaus“ hatte Frau Schneider, die sorgsame Wirtin, liebevoll alles für einen prächtigen Empfang vorbereitet. Hier stiessen dann auch die Individualreisenden, unser Fahrtenleiter Wolfram, Hans-Jürgen Hellwig sowie der „Prof“ Detlef Riesner in Begleitung unseres Seniors, der allerdings nicht den Eindruck eines „Senex“ machte, zu uns. Nach ausgiebiger Kaffeetafel mit Kuchen (Der Fahrer verschmähte den Kaffee, da er nach der Fahrt glaubte, ein Bier zu benötigen) wurden die Boote aufgewriggert und zu Wasser gelassen. Spannend war die Frage: Kann jeder der Teilnehmer trotz einiger Altersgebrechen noch in’s Boot steigen? Alle bestanden diese erste Herausforderung mit Bravour, und so setzten zwei Vierer sich mit insgesamt 855 Lebensjahren in Bewegung stromab zur Schleuse Wintrich.

Die stromauf führende Rückfahrt zu unserem Standort zeigte, dass wir für die beiden kommenden Tage wohlgerüstet sein würden und alle Herausforderungen würden meistern können. Dementsprechend war die Stimmung entspannt, und wir genossen den erfolgreichen Abschluss der „Testfahrt“ in der weinumkränzten Gartenlaube des Hotels bei einigen Flaschen Bier, wobei der eine oder andere, den Ermahnungen seiner Ehefrau hinsichtlich der Gesundheit eingedenk, „alkoholfrei“ den Vorzug gab.

Das abendliche Diner im benachbarten Restaurant glich, wie unser allererstes Diner auf einer solchen Fahrt, 1986 in Sarreguemines, eher einer Obertertia auf Klassenfahrt, als einer Seniorenreise. Die Erlebnisse eines ganzen Jahres wurden lautstark aufbereitet, man lachte, neckte sich und genoss dabei den guten Moselwein. Danach ging es in’s Hotel zurück, jedoch nicht in die Betten, wie man vermuten könnte, sondern in die gemütliche Gaststube, die praktischerweise direkt neben dem Lager für die gutgekühlten Weine liegt, denn man hatte sich noch so viel zu erzählen. Dem Konsum förderlich ist in diesem kleinen Hotel die sympathische Eigenart, dass es keine Bedienung am Abend gibt. Die Gastfreundlichkeit der Wirtin ist auf Vertrauen aufgebaut. Wir bedienten uns selbst, suchten die Weine aus und stellten die leeren Flaschen in ein Regalfach, das den an sich üblichen Bierdeckel ersetzt, so dass Frau Schneider am nächsten Morgen lediglich die Flaschen zählen musste, um die Rechnung zu vervollständigen.

Wie schon im Vorjahr, konnten wir auch diesmal eine weitere Annehmlichkeit geniessen. Mussten wir sonst bei den vielen Wanderfahrten, den strengen Anweisungen unseres Fahrtenleiters folgend, spätestens um 7.30 Uhr am Frühstückstisch erscheinen, gibt es im „Moselhaus“ Frühstück erst ab 09.00 Uhr, was uns eineinhalb Stunden schenkte, die wir länger in Morpheus Armen verbringen durften. An diesem Morgen strahlte nicht nur die Sonne von einem azurblauen Himmel; es strahlten auch unsere Gesichter ob des reichhaltigen Frühstücksbuffets. Alle erdenklichen Sorten von Schinken und Würsten, eine deliciöse Käseplatte und vielerlei Obst, selbstgemachte Marmeladen und Brötchen, wie wir sie aus der Kinderzeit kannten, aussen kross und innen blütenweiss und fluffig, dazu Eier in jeder gewünschten Form, gebraten und gerührt, oder auf den Punkt weich gekocht, boten sich als stärkende Grundlage für die Tagestour an.

Danach wiederum die Prozedur des Besteigens der Boote, wobei stützende Handreichungen nicht unwillkommen waren. Klaus, unser Permanentsteuermann vermisste jedoch schmerzlich seine auf vielen Touren bewährte Unterlage für den harten Steuermannssitz, ein Unikum, dessen gepolsterte Form mit Ausstülpungen an eine Stiege für Gänseeier erinnerte. Mit GuPos (Sitzkissen) konnte ihm provisorisch sein Platz etwas weniger hart gestaltet werden. Dann ging es wieder stromab gen Schleuse Wintrich. Für die zweite Tagesetappe, die retour stromauf führte, hatte unser fürsorglicher Fahrtenleiter einen Zwischenstopp an der Bridge unseres Hotels eingeplant, um, dem Alter und der damit vielleicht verbundenen eingeschränkten Leistungsfähigkeit einiger Teilnehmer Tribut zu zollen. Doch keiner zollte, jeder wollte den Trip nach Noviomagus – vulgus „Neumagen“ – , dem legendären Fundort der in Stein gehauenen Abbildung des römischen Weinschiffs, dessen in Naturgrösse nachgebautes Duplikat vor den Toren des Ortes die Mosel schmückt, nicht versäumen. So kamen wir alle zehn wohlbehalten, hungrig und durstig in Neumagen an, meisterten die drei engen 90-Grad-Kurven des Yachthafens ohne Probleme, um uns in dem darüber Gartenrestaurant der verdienten Pause mit Bier und hervorragender Fischsuppe zu widmen. Die Rückfahrt nach Piesport ging schnell voran, half uns doch die – wenn auch geringe – Strömung von Mosella bei unserer Fahrt. Auch Petrus und Aeolus waren uns hold. Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel und es herrschte nur ein laues Lüftchen, nicht zu vergleichen mit dem starken Gegenwind, der uns ein Jahr zuvor auf der gleichen Strecke herausgefordert hatte. Das schon traditionelle Zusammensein mit Bier in der Gartenlaube des Hotels war diesmal nur kurz, wartete doch auf uns zum Diner ein Höhepunkt. Herr Schneider, nicht nur Bau- sondern auch ein hervorragender Grillmeister, hatte schon den Schwenkgrill angefeuert, um uns mit allem, was man sich als „Grillage“ wünschen kann, zu verwöhnen. Nachdem alle hungrigen Mäuler gesättigt waren, wurden wir mit einem Digestif der besonderen Art verwöhnt – mehrere selbstgebrannte Obstköstlichkeiten rundeten das Festmahl ab. Danach, wie am Abend zuvor, die Nachbesprechung der Tageserlebnisse bei guten Weinen in der Gaststube, wobei auch dieser Tag dank seines harmonischen Verlaufs nur zufriedene und lobende Kommentare zuliess.

Der Morgen des letzten Tages begann mit dem schon gewohnten opulenten Frühstück bei wiederum azurblauem Himmel. Die beiden Vierer begaben sich danach in bewährter gleicher Besetzung wie am Vortag auf den Weg zur Schleuse Wintrich. Zurück an der Bridge des Hotels konnten wir der praktischen Demonstration zweier Naturgesetze beiwohnen, zum einen dem schon in der Antike von Archimedes entdecktem Phänomen der Wasserverdrängung, zum anderen dem erst in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts erstmals von Issak Newton beschriebenen Gravitationsgesetz. Wer anders, als unser Prof, konnte in der Lage sein, uns beide Naturgesetze experimentell vor Augen zu führen. Den sachte im Winde sich wiegenden Grashalmen vertrauend, wollte er von der Bridge aus, bewaffnet mit einem Skull in der Hand, das feste Ufer betreten. Doch sich zart im Winde wiegende Grashalme, nimmt man sie als Synonym für das weibliche Geschlecht, können nicht nur, wie es in der italienischen Urversion von Verdis Rigoletto über „la Donna“ heisst, „mobile“ sein, sondern auch – in der deutschen Version zu „Weiberherzen“ herabgewürdigt – „trügerisch“. Unser Prof., vertrauend auf die italienische Urversion, betrat die schwankenden Grashalme, nicht ahnend, dass sich darunter kein fester Grund, sondern das Wasser der Mosel befand. Das Gesetz der Schwerkraft zog ihn unweigerlich nach unten in Richtung Erdmittelpunkt. Mit einem lauten „Platsch!“ versank er in den Fluten. Doch dem archimedischen Prinzip der Wasserverdrängung und des Auftriebs fester Körper im Wasser folgend, tauchte zumindest sein Kopf blitzschnell wieder auf. Die Befürchtung, die der laute „Platsch“ in uns erregte, durch diesen Sturz in das kalte Moselwasser könnte eine die Uferanrainer bedrohende Flutwelle erzeugt werden, war jedoch unbegründet. Denn, wie Archimedes schon festgestellt hatte, stieg der Pegel nur um etwa einen halben Kubikmeter, dem Volumen des in die Mosel gefallenen Menschen, an, die Gefahr der Überflutung bestand somit nicht. Jedoch konnten wir feststellen, dass ein „wet T-Shirt“, so eng es sich auch um den muskulösen Oberkörper spannt, einen Veteranen nicht unbedingt attraktiver macht. So schickten wir den durchnässten Recken trotz seines heftigen Protestes, da er unbedingt beim Abwriggern und Aufladen der Boote helfen wollte, unter die heisse Dusche, um seine Gesundheit nicht durch eine Erkältung zu gefährden.

Nach dem Verladen der Boote machten wir uns landfein und danach einen Abstecher nach Bernkastel, verbunden mit Kaffee und Kuchen und einem Bummel durch die wunderschöne Altstadt. Am Abend genossen wir, von Frau Schneider hervorragend zubereitet, Spargel mit Pellkartoffeln. Bei der abschliessenden Schlussbesprechung in der Gaststube kamen wir entgegen der ursprünglichen Planung vor Fahrtbeginn zu dem einstimmigen Ergebnis, diese dritte „endgültig letzte Wanderfahrt“ zur „Generalprobe für die vierte „endgültig letzte Wanderfahrt“ umzuwidmen.

Als wir uns am nächsten Morgen von unserer Wirtin, Frau Schneider“ und voneinander verabschiedeten, fiel uns das Scheiden nicht allzu schwer, denn wir schieden in der Gewissheit: Next year, same crew, same place, same month!

Da capo Amici!
Berichterstatter: Michael Trube